Ben Wittorf

Aus einer Zeit zwischen den Welten

Wie du in Social Media (aktuell) nicht am Rad drehst

Social Media, besonders Facebook und Twitter, sind inzwischen komplette Echokammern. Wobei es dem dabei eher gerecht wird, an den Geräuschpegel von Fankurven in Fußballstadien zu denken, als an den Besuch in einer Tropfsteinhöhle.

Und entsprechend hat das Verhältnis von Geräusch zu Signal zugenommen — von dem, was du als Krach wahrnimmst gegenüber dem, was dir Information verschafft. Wie, dass du die wichtige Durchsage wegen der lauten Fangesänge kaum hören kannst. Es geht einfach unter.

Ein wenig Theorie

Die gute Nachricht ist, dass du daran etwas ändern kannst. Du brauchst dazu nur ein wenig Theorie aus der Welt der Nachrichtendienste, damit du einige der Fallstricke vermeiden kannst, die beim Posten und Verstärken von Bullshit auftreten. Das wird dir helfen, nicht am Rad zu drehen. Und auch dabei, dass du dich nicht mit deinen Freund:innen so richtig in die Haare bekommst.

Grundsätzlich notwendig zu wissen ist, dass nachrichtendienstliche Tätigkeit in drei Ebenen unterteilt ist:

  1. Akquise, dem Sammeln von Informationen
  2. Analyse, der Auswertung der Informationen
  3. Akzeptanz, die Bereitschaft, diese Informationen für die Festlegung von Maßnahmen zu nutzen

Das formt einen nachrichtendienstlichen Kreislauf („Intelligence Cycle“). Es gibt dabei allerdings ein paar Herausforderungen und Dinge zu beachten: Intelligence kann richtig sein oder eben nicht — Signal oder Geräusch. Es ist oft schwierig, den Unterschied zu erkennen, also müssen Analyst:innen sie mit möglichst vielen Daten untermauern, um herauszufinden, was wirklich vor sich geht.

Und natürlich wird das ganze noch verkompliziert, weil die Gegenseite sehr daran interessiert ist zu täuschen, um die Fähigkeit, Signale und Geräusche interpretieren zu können, zu beeinträchtigen oder gar zu unterbinden.

Aber wie unterscheiden Analyst:innen zwischen Signalen und Geräuschen? Durch Zeit: Indem sie einen Datenpunkt im Laufe der Zeit nachverfolgen, können sie sehen, ob die Analyse dessen, von dem sie denken, das passiert, auch wirklich passiert.

Sie können die Veränderung von Kapazitäten oder Bewegungen nachverfolgen. Und trotzdem haben sie keine Einsicht darin, was die Absicht der Gegenseite ist (es sei denn, sie wird kommuniziert).

Daraus entsteht eine Lücke zwischen Fähigkeit und Absicht, die interpretiert werden muss. Und der Versuch zu verstehen, was die Absicht selbst ist, führt zu den meisten Problemen der nachrichtendienstlichen Aktivität, wie zum Beispiel bei der Analyse rationales Verhalten der Gegenseite anzunehmen, oder zu versuchen, sich an der Stelle der Gegenseite zu sehen. Dabei werden die kulturellen Werte der Analyst:innen auf die Absichten der Gegenseite projiziert.

Allerdings sind verfahrenstechnische, analytische und methodische Herausforderungen nur ein kleiner Teil des Problems.

Zurück zu Social Media

Das Problem mit Social Media ist, dass diese Plattformen so konzipiert sind, dass sie deine Timeline mit Dingen bespielen, die du sehen willst. Sie sind so geschaffen, dass sie dich vereinnahmen und deine ganze Aufmerksamkeit bekommen. Sie sind dabei ein Spiegel deines Inputs in sie.

Das führt unweigerlich dazu, dass du dich mit anderen Menschen umgibst, die genauso so denken wie du.

Und das Ergebnis davon? Polarisierung und die fehlende Möglichkeit, der Spiegelung und dem kulturellen Bezugsrahmen zu entkommen, den du bereits in die Plattformen eingeführt hast.

Und jetzt, wo Twitter und Facebook und der ganze Rest in Russland abgeschaltet worden sind, ist es für uns noch schwieriger, nicht-westliche Ansichten über die Geschehnisse zu bekommen. Die Gefahr dabei ist, dass wir in einen Strudel geraten, in dem wir unsere eigenen Vorlieben uns gegenseitig ständig und ständig wieder präsentieren und wiederholen.

Um das zu vermeiden, musst du darüber nachdenken, wie Beweise akquiriert, analysiert und akzeptiert werden.

Der erste Ansatz ist, dass du dir vor Augen hältst, dass Twitter und Facebook nicht die einzigen sozialen Netzwerke sind. Russland hat seine eigenen: vk.com, odnoklassniki.ru sowie Telegram.

Und die westlichen Nachrichtendienste verfügen über weitere Quellen, darunter Satellitenbilder, Fernmelde- und Elektronische Aufklärung und zweifellos auch menschliche Quellen in der russischen Befehlskette. Sie haben den Vorteil, dass sie in der Lage sind, diese verschiedene Quellen miteinander zu vergleichen.

Wir allerdings nicht. Und gleichzeitig sehen wir in Social Media alle möglichen cleveren Desinformationskampagnen, die uns alle ein wenig durchdrehen lassen.

Also: Denk über deine Quellen nach. Denk über die Sammlung von „Beweisen“ nach. Lass etwas Zeit verstreichen, bevor du versuchst, etwas zu bewerten, und ganz besonders, bevor du es teilst. Vermeide Hitzköpfe und Angstmacher:innen. Vermeide Weltuntergangsszenarien. Hör auf mit Doomscrolling. Das ist schlecht für deine Gesundheit — und es ändert (leider) nichts.

Lesetipps und Quellen


Hinweis: Ich bin weder Analyst noch Operateur (auch wenn mir das schon nachgesagt worden ist) — mein theoretisches Wissen stammt aus der Zeit, in der ich in der OSINT-Szene in den USA aktiv gewesen bin. Und +1 für alle, die wichtige Stellen vom OODA-Loop erkannt haben. Nun denn.