Ben Wittorf

Es waren einmal die ÜBERSCHRIFTEN

Am Anfang war das Wort. Dann verging etwas Zeit, und aus zehn Geboten wurden wieder einige Zeit später 1077 ÜBERSCHRIFTEN, und… Nee, da bin ich in einer anderen Geschichte gelandet.

Die ÜBERSCHRIFTEN sind natürlich trotzdem nicht einfach so entstanden. Wenn du das Archiv dieser Webseite besuchst und dir nur die Titel schon anschaust, wirst du bestimmt die eine oder andere ÜBERSCHRIFT erkannt haben. Und für eine Webseite rund um Persönlichkeitsberatung hatte ich immer wieder bewusst aus Recherchen und Gesprächen heraus Artikel zur Veröffentlichung bei Facebook und Instagram geschrieben. Ein paar, die davon übrig geblieben sind, findest du sortiert im Jahre 2018.

Wie der Lauf der Dinge so ist, hatte ich das Coaching-Ding 2019 aus Gründen nicht weiter verfolgt. Das Wissen aus Studienzeiten, aus beruflicher Erfahrung, aus ständiger Weiterbildung, aus fantastischen und besonderen Gesprächen und aus Beobachtungen und Reflexionen des Alltags wurde immer mehr, und es kristallisierten sich diverse Glaubenssätze, Erkenntnisse und manchmal auch einfach nur Sprüche heraus, die wiederkehrend Einzug in meine Notizbücher fanden.

Daraus entwickelte sich die Idee, diese gezielt in Form der ÜBERSCHRIFTEN aufzuschreiben und sie für sich alleinstehend zu veröffentlichen. Der erste große Wurf umfasste 125 ÜBERSCHRIFTEN — und ich war mir sicher, mehr könnten es nicht werden. Dann waren es schnell knapp 300, und 500 erschienen mir als oberste Grenze. Aber mit der Zeit, mit vielen weiteren intensiven Gesprächen, mehr Recherche dafür und danach und entsprechenden kritischen Vergleichen sollten es im Laufe der letzten drei Jahre über 1000 werden.

Schon bald führte ich dann auch außerhalb meines Freundes-, Bekannten- und Klientenkreises Gespräche über die ÜBERSCHRIFTEN, wie mit Künstler:innen, mit Kulturdezernent:innen, mit Dozent:innen, mit Profis aus der Event-Branche, und so wurde mir klar, dass aus dieser Idee eine Sache werden könnte.

Und so ergab es sich schließlich, dass für das Frühjahr 2020 die erste große öffentliche Installation in Wuppertal geplant war, und ungefähr zeitgleich sollten in Kooperation mit einem hippen Restaurant in Düsseldorf diverse gerahmte ÜBERSCHRIFTEN ausgestellt werden.

Dann hatte die COVID-19-Pandemie das allerdings zunichtegemacht.

Ende der Geschichte. Kein Happy End.


Okay, auch wenn das so stimmt, kam das Ende nicht sofort: Es hatte da „nur“ angefangen; inzwischen habe ich das Projekt ÜBERSCHRIFTEN beendet. (Und selbst nach dieser Entscheidung ist es trotzdem noch für ein paar Wochen weiter aktiv gewesen.)

Ein paar Beobachtungen und die eine oder andere Bewertung aus der Zeit vom Ende.

Dieser Rückschlag hatte dazu geführt, dass ich das erste Mal detailliert aufgestellt hatte, was ich in dieses Projekt bereits an Geld, und nicht nur an Zeit, gesteckt hatte. Noch galt: Für wirklich dümmere Hobbys hatte ich schon deutlich mehr ausgegeben. Es fiel mir allerdings auf.

Was mir genauso auffiel, war, dass die „Kunstschiene“ sehr wahrscheinlich nicht die richtige sein würde. Sowohl mit und von mir als Mensch (auch wenn ich Kunst liebe), von der Art Mensch, die ich erreichen sollte, als auch von den Abhängigkeiten, die sich daraus ergeben würden:

Ich hatte mich bereits in den ersten Monaten seit Beginn der Pandemie bewusst dagegen entschieden und entsprechend einige Angebote ausgeschlagen, irgendeine Form von Installation zu machen, die Menschen dazu anstiften sollte, sich an einem Ort zu versammeln.

In den folgenden Wochen und Monaten herrschte entsprechend eine Stille, spürbar bis auf die Straßen, und ich zog in Betracht, das Projekt ÜBERSCHRIFTEN zu beenden, bevor ich mich in etwas verrennen würde, von dem ich nicht sah, wie es sich unter den Umständen weiter entwickeln könnte.

Um allerdings nicht zu früh aufzugeben und nach Anraten einer engen Freundin hin entschied ich mich stattdessen dafür, die ÜBERSCHRIFTEN noch weiter zu professionalisieren. Ich gab ihnen ein etwas modifiziertes Aussehen (mit dem Schriftzug „ÜBERSCHRIFTEN“ und ihrer jeweiligen Nummer), überarbeitete die Webseite, interpretierte die ersten 30 ÜBERSCHRIFTEN vollständig, und gewann mit Dr. Thomas D. Lepich einen alten Freund, der die ÜBERSCHRIFTEN App entwickeln würde.

Und ich fing an, den Instagram-Account zu bewerben. Abgesehen davon, dass das höllisch schnell Geld verbrannte, hatte es noch andere Konsequenzen: Ich sah mich auf einmal mit einer Art von Mensch konfrontiert, die ich bisher nur vom Hörensagen aus diversen Geschichten befreundeter Social-Media-Manager:innen kannte: „In Kommentarspalten wie in Raststättenparkplatztoiletten kacken“ ist ein treffender Vergleich. Aber auch Menschen, von denen ich dachte, dass sie es besser wissen müssten, überraschten mich nicht unbedingt positiv.

Das schaute ich mir für einige Monate an, hatte selbst — ebenfalls trotz besseren Wissens — diverse Fehler in der Kommunikation gemacht, dafür allerdings auch sehr viel gelernt. Über mich, noch mehr über andere Menschen, über mich, über mich, und über mich. (Also haben die ÜBERSCHRIFTEN ihren Zweck erfüllt und Veränderung hervorgerufen — wenigstens in mir.) Einige Fans gingen, viele neue kamen hinzu. Menschen, denen ich selbst viel Hochachtung schenke, und von denen ich nicht dachte, dass sie mein Projekt selbst so schätzen würden.

Deshalb wollte ich wieder nicht voreilig die Reißleine ziehen. Mit einem hier noch zu veröffentlichenden Kommunikationsleitfaden und der Idee, die ÜBERSCHRIFTEN noch einmal ein Stück weiter zu professionalisieren, und damit ich mich auch visuell besser mit ihnen identifizieren könnte, hatte ich als eine Art soft relaunch das Design noch mal komplett neu angefasst und mir dafür überlegt, wie ich sie gestalten würde, wenn ich denn bei null anfangen würde. Und nach den Erfahrungen davor hatte ich mit den interessantesten Reaktionen darauf gerechnet.

Bis auf eine Handvoll zustimmender und unterstützender sowie eines einzelnen ablehnenden Kommentars passierte allerdings — nichts. Im Nachhinein führte das auch zu einer weiteren grundlegenden Erkenntnis über mich, und nicht über die großartigen Menschen, denen die ÜBERSCHRIFTEN so viel bedeuten. Und es war der Augenblick, an dem ich meinem inneren Zirkel bereits kommunizierte, dass ich es entweder schaffen würde, die ÜBERSCHRIFTEN zu einem Produkt zu machen, oder sie endgültig aufgeben würde.

In den folgenden Monaten sollte ich ein paar fantastische nicht-öffentliche Installationen veranstalten, während ich daran arbeitete, gerne den Wunsch nach kaufbaren Produkten künftig erfüllen zu können. Dabei hatte ich mir auch wieder bewusst einige Beschränkungen auferlegt:

Entsprechend einem meiner Vorbilder, den Good Fucking Design Advice, wollte ich aus diversen Gründen alle ÜBERSCHRIFTEN anbieten können, und es sollte wenigstens gerahmte Drucke, Tassen und Stofftaschen geben. Darüber hinaus müsste der Druck on demand sein, vom Hersteller direkt versendet werden und dabei insgesamt ein gewisses Mindestmaß an ökologischem Profil erfüllen. Nach einer Menge Vorarbeit, herausfordernd geringen Gewinnspannen für eine Wirtschaftlichkeit, und selbst nach dem Einstellen auf die sehr kranken Mechanismen von Instagram brach dazu noch die Engagement-Rate seit Anfang des Jahres 2022 beständig weiter ein.

Und als schließlich ein größenwahnsinniger Diktator, der sein Leben lang keinen Einlauf verpasst bekommen hat und sich deshalb entschied, die Welt zu ficken, einen Krieg begann, hat das dem Ganzen — ich kann nur mutmaßen — den Rest gegeben, dass die meisten Menschen lieber etwas Schönes in der Welt sehen möchten, als dazu noch einen Spiegel vorgehalten zu bekommen.

Das meine ich nicht verbittert, nur wehmütig: Es ist nicht die Zeit für die ÜBERSCHRIFTEN. Vielleicht war sie mal, hoffentlich kommt sie bald. Ich bin schließlich unglaublich dankbar für die immer wiederkehrenden besonderen Augenblicke mit Menschen und ihren Geschichten, die mir die ÜBERSCHRIFTEN ermöglicht haben. Nur dieses Mal, so wie ich es in erster Linie mir versprochen hatte, werde ich sie nicht noch mal wiederbeleben. Und deshalb habe ich mich dazu entschieden, das Projekt nach drei Jahren zu beenden.

Danke, dass du mich bis hierhin mit den ÜBERSCHRIFTEN begleitet hast. Ich freue mich sehr, wenn du es weiterhin tust, und dich überraschen lässt, was als Nächstes von mir kommt! Du findest darüber hinaus auch alle ÜBERSCHRIFTEN online, um sie zu deinen zu machen.

Und wenn dich die Details genauer interessieren, oder du Fragen und Anregungen hast — schau gerne online zu meinen Unbürozeiten vorbei.


ÜBERSCHRIFTEN. Ein Projekt von Ben Wittorf, 2019–2022. Die ÜBERSCHRIFTEN wären nicht das geworden, was und wo sie sind, ohne die Menschen, die mich dabei begleitet, gefordert und gefördert haben. Eine alphabetische Aufzählung:

Anna A., Celina F., Daniel S., Hüseyin B., Manfred W., Marius W., Nina S., Nina W., Renate W., Roman S., Sebastian B., Stefan M., Sven G., Svenja P., Thomas K., Thomas L., Tim B., Tobias L.

Besonders erwähnen möchte ich auch die fantastischen Kooperationspartner: Dr. Thomas D. Lepich, OLIVER CONRAD: Oliver Conrad und Stefan Wachtendonk, Herr Kaschke, Landschaftspark Duisburg-Nord, Kathi von Coffee & Pixels, cove — die Maßschneider, Benediktinerabtei Maria Laach, SCHVARZ KAFFEE, Historische Wassermühle Birgel.