Ben Wittorf

Von Utopien zur Protopie

Utopien sind idealisierte Vorstellungen von einer perfekten Gesellschaft. Utopismus sind diese Ideen, wenn versucht wird, sie in die Praxis umzusetzen. Hier beginnen die Probleme.1

Thomas Morus prägte den Neologismus Utopia für sein gleichnamiges Werk aus dem 16ten Jahrhundert, mit dem er dieses literarische Genre begründete, und das aus gutem Grund: Das Wort bedeutet übersetzt „nicht-Ort“.

Denn wenn unvollkommene Menschen2 nach Perfektion streben — persönlich, politisch, wirtschaftlich und sozial — scheitern sie. Nicht nur letztlich, dafür ausnahmslos.

So großartig und tadellos die zugrunde liegende Utopie auch erscheinen mag, sie impliziert eine bestimmte, vorgeblich erreichbare Perfektion der Gesellschaft. Es gibt die „schlechte“ Gegenwart und die „gute“ Zukunft. Sie ist ideologisch im negativen Sinne des Wortes; ein schwarz-weißer Blick, nicht nur von Gut und Böse.

Die Kehrseite der Utopie ist daher die Dystopie, die gescheiterten sozialen Experimente, die repressiven politische Regimes und die übermächtigen Wirtschaftssysteme, die aus Utopismen resultieren.

Denn der Glaube, dass der Mensch „perfektionierbar“ ist, führt unweigerlich zu massiven Problemen3, wenn eine „perfekte Gesellschaft“ für eine inhärent unvollkommene Spezies entworfen wird. Es gibt keine beste Art zu leben, weil es so viele unterschiedliche Lebensentwürfe der Menschen gibt. Daher gibt es auch keine beste Gesellschaft, sondern nur eine Vielzahl von Variationen zu einer Handvoll von Themen, die durch unsere Natur vorgegeben sind.4

Darüber hinaus führen die natürlichen Unterschiede in den Fähigkeiten, Interessen und Präferenzen innerhalb einer Gruppe von Menschen zu ungleichen Ergebnissen und unvollkommenen Lebens- und Arbeitsbedingungen, die Utopien, die sich der Gleichheit der Ergebnisse verschrieben haben, nicht tolerieren können.

Dieses Kalkül, das hinter utopischen Logiken steht, können wir an dem inzwischen recht bekannten Trolley-Problem sehen, bei dem die meisten Menschen sagen, dass sie bereit wären, einen Menschen zu töten, um dafür fünf andere zu retten.5

Und wenn selbst Menschen in westlichen, aufgeklärten Ländern heute der Meinung sind, dass es moralisch zulässig ist, einen Menschen zu töten, um fünf zu retten, dann fehlt nicht viel, um sich vorzustellen, wie leicht es ist, Menschen in autokratischen Staaten mit utopischen Bestrebungen davon zu überzeugen, tausende zu töten, um zigtausende zu retten, oder Millionen auszulöschen, damit ungleich mehr Millionen gedeihen können. Was sind schon ein paar Nullen, wenn es um unendliches Glück und ewige Seligkeit geht.6

Dieses praktische Problem des utilitaristischen Utopismus zeigt sich in einem anderen Gedankenexperiment: Du bist ein gesunder Mensch in einem Wartezimmer eines Krankenhauses, in dem eine Ärztin der Notaufnahme fünf Patient:innen hat, die an verschiedenen Krankheiten sterben und die alle gerettet werden können, indem sie dich tötet und deine Organe entnimmt. Würdest du in einer Gesellschaft leben wollen, in der du und alle anderen ständig dieser Mensch sein könnten? Realistisch betrachtet: wohl eher nicht.

Nur… Genau das passierte bei den „großen Experimenten“ des 20ten Jahrhunderts mit entsprechenden Ideologien, wie sie im leninistischen/stalinistischen Russland, im faschistischen Italien und im nationalsozialistischen Deutschland zum Ausdruck kamen. Allesamt groß angelegte Versuche, politische, wirtschaftliche, soziale (und rassische) Perfektion zu erreichen, mit dem Ergebnis, dass Millionen Menschen von ihren eigenen Staaten ermordet wurden oder in Konflikten mit anderen Staaten umkamen, von denen angenommen wurde, dass sie den Weg zum Paradies versperrten.

In der zweiten Hälfte des 20ten Jahrhunderts führten solche Ideologien in China, Kambodscha, Nordkorea und zahlreichen Staaten Südamerikas und Afrikas zu Morden, Pogromen, Völkermorden, ethnischen Säuberungen, Revolutionen, Bürgerkriegen und staatlich geförderten Konflikten und Hungersnöten, alles im Namen der Errichtung eines Paradieses auf Erden, das die Beseitigung von Andersdenkenden und andere Opfer erforderte.

In diesem Zeitraum allein starben fast zweihundert Millionen Menschen im Namen von Utopien. Wenn man zig Millionen Menschen ermorden muss, um einen utopischen Traum zu verwirklichen, hat man „nur“ einen dystopischen Albtraum geschaffen.7

Was sollte also die Idee der Utopie ersetzen? Wir brauchen einen Begriff, der Träumer:innen, Denker:innen und Macher:innen zu einer energiegeladenen Kraft für die notwendige und zeitgemäße Umgestaltung von Gesellschaften auf der ganzen Welt vereint, um unsere globalen Probleme zu lösen und existentiellen Risiken zu begegnen — während sie dabei die Fallstricke des Utopismus des 20ten Jahrhunderts vermeidet.

Eine Antwort darauf findet sich in einem anderen Neologismus: Protopie. Der Futurist Kevin Kelly beschreibt seine Wortschöpfung so:

„Was sollte also die Idee der Utopie ersetzen? Eine Antwort findet sich in einer anderen Wortschöpfung: Protopie — schrittweiser Fortschritt in Richtung Verbesserung, nicht Perfektion.“

Die Protopie ist ein Zustand, der heute besser ist als gestern, auch wenn er vielleicht nur ein wenig besser ist.8 Sie ist sehr viel schwieriger zu visualisieren. Da Protopie ebenso viele neue Probleme wie neue Vorteile enthält, ist dieses komplexe Zusammenspiel von Funktionieren und Scheitern schwierig vorherzusagen.

Protopie besagt deshalb nicht, dass „alles für alle gut sein wird“; sie konzentriert sich nicht auf den Stand der Dinge zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern auf die Möglichkeit der gemeinsamen Fähigkeit, sich in eine für alle wünschenswerte Richtung zu bewegen. Einfach ausgedrückt könnte man sagen, dass eine protopische Gesellschaft eine Gesellschaft ist, die die Fähigkeit hat, durch die Freiheit ihrer Mitglieder schrittweise besser zu werden.

Der protopische Fortschritt beschreibt die monumentalen moralischen Errungenschaften der letzten Jahrhunderte am besten: die Vermeidung vieler Kriege, die Abschaffung der Sklaverei, das überwiegende Ende der Folter und der Todesstrafe, das allgemeine Wahlrecht, die liberale Demokratie, die Bürgerrechte und Freiheiten, die gleichgeschlechtliche Ehe, Tierrechte und so viel mehr. All das sind Beispiele für protopischen Fortschritt in dem Sinne, dass sie in kleinen Schritten erfolgten.

Konzeptuell kann die Utopie zum „Projekt der Moderne“ („The Modern Project“) in Bezug gebracht werden9, Eutopie10 mit dessen postmoderner Kritik11, und Protopie mit einer metamodernen Synthese aus modernem und postmodernem Denken, und damit mit den kulturellen Strömungen, die in der heutigen Welt wachsen.

So ist Protopie der vielleicht beste Begriff für die zahlreichen miteinander verknüpften Projekte von Aktivist:innen, Denker:innen und Macher:innen, die zu den notwendigen und wünschenswerten Veränderungen von Gesellschaften auf dem ganzen Planeten beitragen wollen.

Eine protopische Zukunft ist also nicht nur nützlich — sie ist realisierbar. Und nicht nur Idealist:innen leisten mit ihren Projekten bereits einen praktischen Beitrag in Richtung planetar Denken in ihren lokalen und kulturellen Ausdrucksformen.12

Fußnoten

  1. Hier noch sehr vorsichtig ausgedrückt. 
  2. Also alle. 
  3. Noch immer eine Untertreibung an der Stelle. 
  4. Utopien sind zum Beispiel dann besonders anfällig, wenn eine Gesellschaftstheorie, die auf kollektivem Eigentum, gemeinschaftlicher Arbeit, autoritärer Herrschaft und einer Führungs- und Kontrollwirtschaft beruht, mit unserem natürlichen Wunsch nach Autonomie, individueller Freiheit und Wahlfreiheit kollidiert. 
  5. Die Situation ist wie folgt: Du stehst an einer Gabelung einer Eisenbahnstrecke mit einer Weiche, die einen Eisenbahnwagen umleiten soll, der fünf Menschen auf der Strecke töten wird. Wenn du die Weiche betätigst, wird der Eisenbahnwagen auf ein Nebengleis umgeleitet, wo sie einen Menschen töten wird. Wenn du nichts tust, überrollt der Eisenbahnwagen alle fünf. Was würdest du tun? 
  6. Was ich mit Problemen meinte. 
  7. Das utopische Streben nach dem vollkommenen Glück wurde zum Beispiel von George Orwell in seiner 1940 erschienenen Rezension von „Mein Kampf“ als das nicht haltbare Ziel entlarvt, das es ist. 
  8. Kaizen auf anderem Maßstab. 
  9. Also mit dem Wachstum des Rationalismus seit dem 15ten Jahrhundert. 
  10. „Eutopie“ ist ein aktuell zunehmend beliebter Neologismus, der die Utopie ersetzen soll; er bedeutet „der gute Ort“. Allerdings impliziert die Eutopie ähnliche Problemen wie die Utopie: Sie ist letztlich unmöglich, denn sie ist ebenfalls ein statischer Zustand — und was du als „gut“ bezeichnest, könnte ich als „schlecht“ betrachten. 
  11. Also mit den vielen Möglichkeiten, mit denen Künstler:innen und Intellektuelle die Utopie seit dem 19ten Jahrhundert betrachtet haben. 
  12. Protopist:innen aller Gesellschaftschichten, vereinigt euch 😁