Ben Wittorf

Alle Menschen sind faul – auch du (Teil 3: Erwartungen)

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Wir sind alle faul und wollen Stress vermeiden, und vielleicht bestimmen kognitive Verzerrungen deshalb unser Leben — allerdings hat das doch bisher einwandfrei funktioniert.

Denn offensichtlich sind doch die anderen die Vollpfosten: Wer schneller fährt als wir, ist nunmal vollkommen jeck, und wer langsamer fährt, versteht den Ernst der Lage nicht. Sehen die denn auch nicht, was für eine offensichtliche Auswirkung ihr asoziales Verhalten auf unsere Gesellschaft hat? Davon erholen wir uns besser bei Bauer sucht Dschungel und Bachelor Island, das haben wir uns verdient. Und ohnehin, diese Aufmerksamkeitsspanne einer Tube Zahnpasta. Bei denen, nicht bei uns, denn uns ist es doch wichtig.

Wenn sie doch nur nachdenken würden, bevor sie handeln.


Erwartungen sind so eine Sache — wie wir meinen, wie Menschen und die Welt zu sein und (uns) zu passieren haben. Unsere Vorhersagen sind allerdings auf die verschiedensten Weisen falsch und können uns in die Irre führen, und unsere versteckte Voreingenommenheit können unsere Wahrnehmung und unser Verhalten sogar so beeinflussen, dass sich die Welt unserer falschen Sichtweise anzupassen scheint. Dadurch wird unser Irrtum letztlich doch zu unserer Realität, was uns in unserem Glauben an diese Voreingenommenheit nur bestärkt.

Das kann mitunter ernsthafte und sehr problematische Konsequenzen haben. Menschen mit schweren Depressionen haben oft eine recht genaue Erwartung an ihr eigenes Verhalten und ihre Reaktionen darauf entwickelt, und verhindern so aktiv eine freudige oder spielerische Erkundung der Welt — es entsteht eine selbsterfüllende Prophezeiung von Ohnmacht und Rückzug.


Als Charles Munger gefragt wurde, wie er es schaffen würde, so glücklich und zufrieden zu sein, antwortete er, dass die erste Regel für ein glückliches Leben niedrige Erwartungen seien: Unrealistische Erwartungen führen zum Unglücklichsein, und mit vernünftigen Erwartungen können wir die guten und schlechten Dingen des Lebens stoisch annehmen, so wie sie kämen.

Und wie unrealistische Erwartungen für Abfuck sorgen. Nicht nur Menschen selbst, sondern die ganze Welt ist ein unbeständiger, komplexer und unvorhersehbarer Ort. Die einzige Möglichkeit, Enttäuschungen zu vermeiden, ist, sie zu erwarten — und Erwartungen, die gleich oder schneller steigen als die Ergebnisse, führen zu ständiger Enttäuschung, egal wie viel wir oder andere Menschen erreicht haben. Ansonsten quälen wir andere Menschen, die Welt, und ganz besonders uns selbst damit, dass die vermeintlichen Ergebnisse zu unseren Erwartungen passen. Was uns erstaunlich leicht fällt, da wir uns unmittelbare Vorteile von hohen Erwartungen versprechen: Sie sind schließlich erstmal mit niedrigem Energiebedarf bei Möglichkeit auf hohen Ertrag verknüpft — nur kehrt sich das auf Dauer um und wir können kaum noch davon lassen.

Dahingegen kann ein nur schon kurzzeitiger, mittelmäßiger Energiebedarf dafür sorgen, sich bewusst niedrige Erwartungen anzueignen, und damit dauerhaft zur Vermeidung von Stress beitragen.

Allerdings ist das nicht intuitiv, denn niedrige Erwartungen lassen uns eher an die klischeehaften Pessimist:innen denken, die nichts gebacken bekommen. Es ist wieder eine Erkenntnis der Ironie des Lebens: Bewusst niedrige Erwartungen sind die einzige Möglichkeit, in einer Welt zu überleben, die nicht so freundlich ist, jeden ehrgeizigen Menschen mit Erfolg zu belohnen — niedrige Erwartungen und das Akzeptieren häufiger Verluste erhöhen schlicht die Chancen, lange genug dabei zu bleiben, um am Ende Erfolg zu haben, und dabei ist es auch egal, wie wir den definieren.

Wir können nicht erwarten, dass Menschen nachdenken oder eine Agenda haben, die darüber hinausgeht, dass sie nur versuchen, die Dinge für sich auf kurze Sicht einfacher zu machen. Wir sollten nicht erwarten, dass Menschen aufmerksam sind; wir können ihre Gründe nicht mal erahnen, warum sie es nicht sind. Wir dürfen nicht erwarten, dass Menschen das tun, was wir tun würden. Die Sache ist nämlich die: Wir würden das alles an ihrer Stelle auch nicht sein und tun.

Es hilft uns deutlich mehr, uns damit abzufinden, dass Menschen und überhaupt die Welt ungefähr so bleiben, wie sie jetzt sind. Oder schlechter. Jede kleine Verbesserung, die sich einstellt, wird uns dazu bringen, sie mehr schätzen zu wissen. Niedrige Erwartungen machen nicht „depressiv“, sie bewirken das Gegenteil: Kleine Fortschritte fühlen sich großartig an, während sich schlechte Nachrichten normal anfühlen. Auch wenn das nicht leicht ist, denn wir orientieren uns bei der Festlegung von Erwartungen nunmal vorschnell an unseren Dissonanzen (und an dem, von dem wir glauben, was alle anderen haben).

Wenn das nicht eine geniale Art ist, unsere Faulheit und unseren Instinkt, Stress zu vermeiden, zu unserem Vorteil zu nutzen.

„And you’ve been down this road before
Which is not to say you’re bored
Or that you shouldn’t want for more
It’s just your expectations should be lower“

Edwyn Collins, „Low Expectations“